🤯 Warum sich neue Klettertechnik anfühlt, als würden Sie von vorne beginnen (und das ist gut so!)
🚀 Der Trugschluss nach dem Technik-Input
Sie hatten ein erfolgreiches Training, einen Coaching-Tag oder haben ein komplexes Technik-Video studiert.
Sie wissen jetzt, wie die optimale Bewegung aussieht: die Hüfte eindrehen, Füße präzise setzen, das Körpergewicht über die Beine steuern.
Der Kopf hat es verstanden – der "Aha!"-Moment war da.
Voller Motivation gehen Sie an die Wand, um das Gelernte umzusetzen. Das Ergebnis?
Unkoordiniertheit. Frustration. Plötzlich fühlen sich Routen, die gestern noch leicht waren, schwer und fremd an. Die neuen Bewegungen sind hakelig, kraftraubend und der alte, ineffiziente „Gewohnheits-Modus“ sabotiert jeden Versuch.
Herzlichen Glückwunsch! Sie sind im Jammertal der Verbesserung angekommen.
🧠 Der Saboteur sitzt im Gehirn: Der Motorische Kortex
Dieses frustrierende Phänomen ist kein Zeichen von mangelndem Talent, sondern ein naturwissenschaftlicher Prozess im Gehirn.
Die "Autobahn" der Gewohnheit
Jahrelang haben Sie sich auf eine bestimmte Weise bewegt (z.B. die Füße nur als Stütze benutzt und sich hauptsächlich mit den Armen hochgezogen – "Arm-Ziehen statt Fuß-Schieben"). Ihr Gehirn hat für diese ineffiziente, kraftraubende Bewegung eine motorische Autobahn gebaut: eine schnelle, hocheffiziente neuronale Verbindung, die bei der kleinsten Absicht, sich zu bewegen, automatisch feuert. Diese Bewegung ist automatisiert und erfordert kaum kognitive Energie.
Der Kampf um die neue Synapse
Wenn Sie nun versuchen, eine neue, optimierte Bewegung auszuführen, müssen Sie das Gehirn zwingen, diese Autobahn zu verlassen und einen neuen, ungepflasterten Waldweg zu nehmen.
- Kognitiver Overload: Die neue Bewegung erfordert anfangs maximale, bewusste Kontrolle. Sie müssen gleichzeitig an Fußposition, Körperschwerpunkt, Hüftdrehung und Atmung denken. ( Weswegen man in bewusstem Training nur einen Aspekt zur Zeit trainieren sollte !!!! )
- Motorische Interferenz: Das ist der kritische Punkt. Das Gehirn erkennt die Klettersituation und will – aus Effizienzgründen – sofort auf die alte, bewährte Autobahn umschalten. Die alte Routine sabotiert die neue.
- Die "Flüssigkeitslücke": Da die neue Bewegung nicht automatisiert ist, fehlt ihr die natürliche Flüssigkeit und Koordination. Sie wirkt langsam und kraftraubend, was die Frustration zusätzlich steigert.
Merken Sie sich: Das Gefühl von Unbeholfenheit ist der Beweis, dass Sie Ihre alten, falschen Muster gerade aktiv überschreiben.
🏞️ Wie Sie das Jammertal durchqueren: Die Arbeit beginnt jetzt
Der Schlüssel liegt in der kontinuierlichen, bewussten Wiederholung.
| I. Bewusstes Üben | Präzision vor Geschwindigkeit. | Suchen Sie sich leichte Routen/Boulder, bei denen die neue Bewegung zwingend notwendig ist. Klettern Sie nur 2-3 Routen lang, aber führen Sie die neue Technik überbewusst aus. Hören Sie auf, bevor Sie ermüden. |
| II. Konsolidierung | Regelmäßigkeit der Wiederholung. | Klettern Sie, wenn möglich, häufiger (z.B. zwei kürzere Sessions pro Woche). Bouldern ist ideal, da Sie dort in kurzer Zeit mehr qualifizierte Wiederholungen der Bewegung sammeln. |
| III. Loslassen | Automatisierung der Bewegung. | Wenn Sie eine Bewegung einigermaßen beherrschen, denken Sie nicht mehr bewusst darüber nach. Versuchen Sie, die Bewegung fließen zu lassen. Das Gehirn hat die neue "Autobahn" gebaut. |
💡 Ein persönlicher Kommentar des Experten
Die ehrliche Wahrheit ist: Viele Kletterer wählen den Weg des geringsten Widerstands. Sie sehen überall Kletterer, die leider nie bewusst und intensiv gute Techniken trainiert haben. Deswegen hängen diese Menschen, je nach Alter und physischen Voraussetzungen, Jahre oder Jahrzehnte an ein und demselben Grad fest. Da das einfache Immer-wieder-Klettern oder zusätzliches reines Krafttraining der schnellere und einfachere Weg ist, ändern sie auch nie etwas an ihrem Bewegungsrepertoire.
Wer sich für ein Coaching entscheidet, bekommt klar gezeigt, woran er arbeiten muss. Die Arbeit an sich muss er aber selbst durchführen.
Und diese Arbeit kann sehr frustrierend sein, insbesondere ganz am Anfang, da sich der erhoffte Erfolg nur sehr allmählich und nicht linear einstellt. Machen Sie sich bereit: Zunächst klettern Sie schlechter als zuvor!
Das ist der Preis des Fortschritts. Der Mut, diesen Tiefpunkt zu akzeptieren und ihn durch konsequentes Techniktraining zu überwinden, ist das, was einen Spaßkletterer vom trainierenden Kletterer unterscheidet.