Die Historie des PETZL Grigri und seiner Gerätevarianten
Das Petzl Grigri ist ein ikonisches Sicherungsgerät, das die Welt des Kletterns, insbesondere das Sport- und Hallenklettern, maßgeblich verändert hat. Seine Geschichte ist geprägt von Innovation und kontinuierlicher Weiterentwicklung, um Sicherheit und Komfort für Kletterer und Sichernde zu verbessern.
Die Geburtsstunde: Das Original Grigri (1991)
Das Petzl Grigri wurde 1991 auf den Markt gebracht und revolutionierte das Sichern durch sein bremskraftunterstützendes System. Bis dahin dominierte der Achter oder der Tuber. Das Grigri hingegen nutzte eine nockenunterstützte Blockierung, die bei einem Sturz oder Belastung des Seils automatisch das Seil klemmt und blockiert. Der Name "Grigri" leitet sich übrigens von afrikanischen Amuletten ab, die Schutz und Glück bringen sollen – ein passender Name für ein Gerät, das die Sicherheit beim Klettern erhöhen sollte.
Die Idee für ein solches Gerät entstand aus dem Bedürfnis, Sicherungsfehler zu reduzieren, insbesondere bei Anfängern oder wenn große Gewichtsunterschiede zwischen Kletterer und Sicherndem bestanden. Petzl baute auf früheren Entwicklungen wie dem "STOP" (einem selbstbremsenden Abseilgerät) und dem "SOLO" (einem Gerät zur Selbstsicherung beim Soloklettern) auf, um das einzigartige Bremsprinzip des Grigri zu entwickeln.
Die Weiterentwicklung: Grigri 2 (2011)
Nach 20 Jahren auf dem Markt wurde das Original-Grigri 2011 vom Grigri 2 abgelöst. Das Grigri 2 war eine Weiterentwicklung, die vor allem auf Gewichtsreduzierung und Kompaktheit abzielte. Es war etwa 20% leichter und 25% kleiner als sein Vorgänger. Zudem wurde die Kompatibilität mit Seildurchmessern angepasst, um den damals gängigen, dünneren Einfachseilen besser gerecht zu werden (optimiert für 8,9 bis 11 mm Seile, besonders 9,4 bis 10,3 mm). Die grundlegende Funktionsweise des nockenunterstützten Blockierens blieb erhalten, aber das Design wurde überarbeitet, um das Seilhandling zu verbessern.
Für mehr Vielseitigkeit und Sicherheit: Grigri + (2017)
Im Jahr 2017 führte Petzl das Grigri + ein, das eine Reihe neuer Funktionen und Verbesserungen bot, insbesondere für den Einsatz in Kletterhallen und für Anfänger. Das Grigri + zeichnete sich durch folgende Merkmale aus:
- Erweiterter Seilbereich: Es konnte mit einem größeren Spektrum an Einfachseilen (von 8,5 bis 11 mm) verwendet werden.
- Wählbarer Sicherungsmodus: Ein Drehknopf ermöglichte es, zwischen einem Vorstiegs- und einem Toprope-Modus zu wählen. Der Toprope-Modus erleichtert das Seilausgeben und Einholen, was besonders für das Sichern von Anfängern und im Toprope-Betrieb vorteilhaft ist.
- Anti-Panik-Funktion: Diese wichtige Sicherheitsfunktion blockiert das Seil automatisch, wenn der Ablasshebel zu stark durchgezogen wird. Dies verhindert ein unkontrolliertes Ablassen, falls der Sichernde in Panik gerät und den Hebel vollständig öffnet.
- Erhöhte Langlebigkeit: Eine Reibplatte aus Edelstahl sorgte für eine längere Lebensdauer, insbesondere bei intensivem Gebrauch, wie er in Kletterhallen üblich ist.
Das aktuelle Modell: Grigri (2019)
Im Jahr 2019 brachte Petzl eine weitere Version des Geräts auf den Markt, das einfach wieder Grigri (oft inoffiziell als Grigri 3 bezeichnet) genannt wird. Dieses Modell ersetzte das Grigri 2 und bietet erneut einen erweiterten Seilbereich (8,5 bis 11 mm, optimiert für 8,9 bis 10,5 mm) und ein optimiertes Design für noch bessere Kontrolle beim Ablassen. Es ist leichter und kompakter als das Grigri+, aber ohne dessen spezielle Toprope- und Anti-Panik-Funktionen.
Eine kritische Betrachtung: Ist das Grigri der "Goldstandard"?
Während das Grigri zweifellos ein Verkaufshit war und die Sicherungstechnik stark beeinflusst hat, wird die Bezeichnung "Goldstandard" von vielen in der Klettergemeinschaft kontrovers diskutiert. Kritiker weisen darauf hin, dass das Grigri im Vergleich zu anderen Sicherungsgeräten schwer und klobig ist. Besonders in der alpinen Kletterei ist es kaum sinnvoll, da es keine Halbseile aufnehmen kann und das Abseilen am Doppelstrang nur mit umständlichen Workarounds funktioniert, wo jedes Gramm zählt und effizientes Handling entscheidend ist.
Ein weiterer häufig genannter Kritikpunkt ist die Seilausgabe. Obwohl das Gerät eine Bremskraftunterstützung bietet, empfinden viele Kletterer das korrekte und sichere Ausgeben von Seil beim Vorstieg als relativ umständlich. Dies kann dazu führen, dass unerfahrene oder auch erfahrene Kletterer unsaubere Techniken anwenden, die die Sicherheitsfunktion des Geräts beeinträchtigen können. Die Bremskraftunterstützung kann zudem ein falsches Sicherheitsgefühl vermitteln, was dazu führen kann, dass die Aufmerksamkeit für die grundlegenden Sicherungstechniken nachlässt.
Die nächste Generation: Das Petzl Neox (Markteinführung 2024)
Die eigentliche Antwort auf das Kernproblem des Seilausgebens beim Grigri kam jedoch erst mit dem Petzl Neox, das im Juni/Juli 2024 auf den Markt kam. Das Neox repräsentiert einen Paradigmenwechsel in Petzls Entwicklung von Sicherungsgeräten mit Bremskraftunterstützung:
- Revolutionäres Seilausgeben: Die Hauptinnovation des Neox ist ein integriertes Rad. Dieses Rad reduziert die Reibung beim Seilausgeben dramatisch. Das Seil gleitet dadurch extrem leichtgängig und ohne zu ruckeln durch das Gerät. Dies ist Petzls direkter Ansatz, die Motivation zur gefährlichen Fehlbedienung des Klemmmechanismus zu eliminieren. Der Sichernde soll gar nicht erst in die Verlegenheit kommen, den Mechanismus aushebeln zu müssen, um schnell Seil geben zu können.
- Beibehaltung der Sicherheit: Trotz des reibungsarmen Seildurchlaufs behält das Neox den bewährten, cam-unterstützten Blockiermechanismus der Grigri-Familie bei. Bei einem Sturz stoppt das Rad und die Klemmbacke blockiert das Seil zuverlässig.
- Verbesserte Ergonomie und Kontrolle: Das Design ist auf eine flüssige Handhabung und feine Dosierbarkeit beim Ablassen optimiert.
- Potenzieller Nachteil: Schmutzempfindlichkeit der Rolle: Eine mögliche Schwachstelle des Neox ist die Anfälligkeit der Rolle für Schmutz wie Sand oder Chalk, was die Leichtgängigkeit beeinträchtigen und regelmäßige Reinigung erforderlich machen könnte.
Fazit
Die Reise vom ursprünglichen Grigri zum Neox ist ein Lehrstück in der Produktentwicklung. Sie zeigt, wie Hersteller nicht nur auf technologische Fortschritte reagieren, sondern auch auf das Verhalten der Nutzer und die Notwendigkeit, Sicherheit durch bessere Ergonomie und die Reduzierung von Fehlbedienungen zu erhöhen. Das Neox ist Petzls bisher konsequenteste Antwort auf das Dilemma des Seilausgebens und markiert einen wichtigen Schritt in der Evolution der blockierunterstützenden Sicherungsgeräte.
Trotz seiner Popularität und der unbestreitbaren Vorteile in Bezug auf die Unterstützung beim Halten eines Sturzes, ist das Grigri daher nicht für jede Klettersituation die erste Wahl. Viele Kletterer bevorzugen für bestimmte Anwendungen weiterhin klassische Tuber-Geräte aufgrund ihrer Einfachheit, ihres geringeren Gewichts und der präziseren Kontrolle, die sie beim Abseilen oder in Mehrseillängenrouten bieten. Die Wahl des "besten" Sicherungsgeräts hängt letztlich von den individuellen Vorlieben, dem Kletterstil und den spezifischen Anforderungen der jeweiligen Route ab.