Drei Kompetenzebenen für gutes Sichern
In der AG Sicherungstechnik des DAV beschäftigten sich Florian Hellberg, Christoph Hummel, Chris Semmel, Jörg Helfrich, Daniel Gebel, Helmut Mittermayr und Jochen Haase 2017 mit den neuesten Geräten, Methoden und Aufgaben für gutes Sichern. Ein Ergebnis dieser Arbeit ist die Definition von drei Kompetenzebenen, auf denen sich Sichernde (hoffentlich) entwickeln: von „Basis“ über „Advanced“ bis „Expert“. Zu diesen Entwicklungsstufen gehören bestimmte Kenntnisse und Fertigkeiten für drinnen und draußen – im Folgenden für das Hallenklettern zusammengestellt.
Kompetenzebene Basis
Das wichtigste Lernziel der Kompetenzebene Basis ist korrektes Sichern mit einem Halbautomaten in Standardsituationen: Also bei einem Gewichtsunterschied zwischen kletternder und sichernder Person von maximal zehn Kilo. In solchen Situationen kann ich einerseits korrekt bodennah, aber auch „weich“ sichern durch aktiven Körpereinsatz. Die Sicherungsposition stimmt (wandnah) und die Schlappseilmenge ist knapp, angemessen zur Sicherungssituation.
Sichern auf der Kompetenzebene Basis. Illustration: Georg Sojer
Kompetenzebene Advanced
Auf der Kompetenzebene Advanced ist das wichtigste Lernfeld der Umgang mit größeren Gewichtsunterschieden, bis zwanzig Kilo. Um diese Unterschiede sicher zu handhaben, muss ich lernen, mein Sicherungsverhalten anzupassen. Falls die kletternde Person deutlich schwerer ist als ich, setze ich reibungserhöhende Maßnahmen oder Sandsack ein. Falls sie deutlich leichter ist als ich, beherrsche ich Methoden, um weich zu sichern (Körper-, Gerätedynamik; Sensorhanddynamik zumindest ansatzweise).
Wer Advanced sichern will, sollte mindestens einen Halbautomaten inkl. schnellem Seilausgeben beherrschen. Beherrschen bedeutet, dass korrekte Abläufe des bodennahen und weichen Sicherns mit dem verwendeten Sicherungsgerät durch viele gehaltene Stürze automatisiert sind. Das heißt, ohne regelmäßiges Halten von Stürzen und Feedback der Stürzenden ist es gar nicht möglich, Advanced zu sein! Außerdem sollte man für das Advanced-Sichern auch das gerätedynamische Sichern mit dem Tube beherrschen. Man setzt den Tube in geeigneten Situationen ein, kennt die damit verbundenen Risiken und ist sich der besonderen Anforderung an die Bremshand bewusst.
Sichern auf der Kompetenzebene Advanced. Illustration: Georg Sojer
Kompetenzebene Expert
Was fehlt nun noch für den Ritterschlag zum Profi für Sicherungstechnik beim Hallenklettern? Zunächst einmal ist es viel Erfahrung im Halten von Stürzen in unterschiedlichen Sicherungssituationen. Wer Expert-sichern will, beherrscht verschiedene halbautomatische und dynamische Sicherungsgeräte und weiß um ihre jeweiligen Vor- und Nachteile. Man wählt je nach Sicherungssituation die passende Sicherungsart und -taktik aus und entschärft so auch heikle Situationen (Bänder, Pendler, Dachkanten). Man versteht, wie Reibung im System die beim Sturz wirkenden Kräfte beeinflusst, und passt das Sicherungsverhalten laufend daran an. Wenn viel Seilreibung auftritt oder die kletternde Person sehr viel leichter ist, setzt man die Sensorhanddynamik mit und ohne Sturzstreckenverlängerung passend zur Sturzsituation ein. Kurzum: Die flexible Abstimmung des Sicherungshandelns auf Gelände, Gewichtsverhältnis und Reibung befähigt, mit Gewichtsunterschieden von über zwanzig Kilo sicher umzugehen, dabei Grenzsituationen zu erkennen und zu vermeiden.
Sichern auf der Kompetenzebene Expert. Illustration: Georg Sojer
Leben heißt Lernen - auch beim Sichern
Was ist nun der Nutzen dieser drei Kompetenzebenen und der Differenzierung der Sicherungsfertigkeiten? Die Hauptintention ist der Anstoß zum Weiterlernen. Es passt doch nicht zusammen, dass man fürs Kletterkönnen intensiv trainiert, gleichzeitig aber beim Sicherungskönnen auf Basisebene dümpelt. Wer aufmerksam durch die Hallen geht, sieht viele Beispiele, wie weit Kletterqualität und Sicherungsqualität auseinanderklaffen.
Eine schöne Vision
"Jeder Profi im Klettern ist auch Profi im Sichern, weil er von Beginn an den Lernprozess Sichern genauso wichtig nimmt wie den Lernprozess Klettern!" und "Es ist geil, beim Sichern Expert zu sein, auch wenn ich beim Klettern nicht für die hohen Weihen berufen bin." Nach dem Motto: „Ich klettere 6b, aber sichere 9c!"
Man lernt auf individuellem Level
Ein weiterer Vorteil von Kompetenzebenen: Sie erlauben die Zuordnung von Sicherungsempfehlungen und „Lehrmeinungen“. Nehmen wir zum Beispiel die seit zwei Jahren geltende DAV-Halbautomaten-Empfehlung. Diese Empfehlung ist absolut sinnvoll und richtig für die Kompetenzebene Basis, da bei passendem Gewichtsverhältnis jede Sicherungssituation mit Halbautomaten hervorragend und mit Sicherheitsreserve zu lösen ist. Auf Kompetenzebene Advanced oder Expert schaut das etwas anders aus. Hier erweitert ein perfekt bedienter Tube das Spektrum der Handlungsmöglichkeiten. In den Händen von Neulingen ist seine mangelnde Fehlertoleranz ein zu hohes Risiko. Ein zweites Beispiel ist die „Sensorhanddynamik“, die in diesem Artikel immer wieder Fragezeichen in manchen Köpfen ausgelöst haben dürfte – trotz vieler Jahre Sicherungserfahrung. Sensorhanddynamik ist eine neue Methode, um auch mit Halbautomat leichte Personen weich sichern zu können. Diese Technik hat ihren Platz ab der Kompetenzebene Advanced. Es ist wichtig, die Zielgruppen auf diese Art differenziert anzusprechen. Deshalb werden in DAV Panorama auch gelegentlich Beiträge veröffentlicht, die „eigentlich“ nur für Profis relevant sind – sie zeigen aber Menschen auf Basis- oder Advanced-Niveau, wohin sie sich entwickeln können. Schließlich sollen neue Erkenntnisse allen zugänglich sein. Denn schon das Zielbild der Kompetenzebene Basis ist anspruchsvoll. Es ist noch lange nicht genug, die Grundfunktionen seines Sicherungsgeräts zu können und stürzende Personen nicht auf den Boden fallen zu lassen. Wenn wir unsere Hallenrealität betrachten, wäre schon viel gewonnen, wenn wir dort überwiegend solide Basis-Sichernde vorfänden. Doch für diese Sicherungsfertigkeiten reichen übliche Einstiegskurse kaum aus; erst durch gezieltes Trainieren (z.B. Sicherungs-Update) entsteht Sicherungsexpertise.
Draußen ist anders
Abschließend sei noch betont, dass sich dieser Artikel nur mit der relativ einfachen Sicherungssituation Halle beschäftigt. Das Lernfeld „Sichern outdoor“ ist noch mal um ein Vielfaches größer; der Zusammenhang Gewichtsunterschied/ Seilreibung/ Sicherungshandling beispielsweise gewinnt draußen deutlich an Komplexität. Dadurch geht die Schere zwischen den verschiedenen Kompetenzebenen noch weiter auseinander als beim Hallenklettern.
Quelle:
https://www.alpenverein.de/art…d0-4e54-a2ee-bbdba0577379